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Trauma verstehen: Wie unser Körper Erlebtes speichert und heilt

Aktualisiert: 29. Mai

Über unser Körpergedächntis und Nervensystem


 

Irgendwann im Winter, ein typisch dunkler und nasser Abend im Ruhrgebiet, fuhr ich auf der Autobahn nach Hause.


Mit einem kleinen Rennfahrer-Herz, das ich von meinem Papa geerbt habe (mein Paps war lange professioneller GoKart Fahrer🏎️), und einem Fuß, der manchmal etwas zu schwer auf dem Gas liegt, habe ich mich selbst immer als gelassene Fahrerin beschrieben - bis zu diesem einen Abend im Regen.

Ich weiß noch genau, welches Lied ich mitgesungen habe, als plötzlich alles sehr schnell ging.


Zu schnell. ("zu schnell" ist wichtig an der Stelle)


Ich verlor die Kontrolle über mein Auto und im Zig-Zag schleuderte ich einige Male um die eigene Achse.



Ich weiß auch noch, das neben diesem Kontrollverlust ein Gedanke ganz klar war:


"Das wars. Ich sterbe jetzt."


Ich wartete auf den Aufprall oder einen Crash, als mein Wagen zum halten kam.


Da ich ja mitten auf der Autobahn stand, mein Motor ausgegangen war, d.h. mitten in der Dunkelheit auch mein Licht, war der nächste Gedanke "spätestens jetzt wird es knallen."




Ich sah schon die Lichter eines anfahrenden LKWs und….mein Überlebensinstinkt verstand ziemlich schnell, dass ich den Motor wieder starten musste.

Ich raste zum Standstreifen und versuchte dort zu verstehen, was zur Hölle eigentlich gerade passiert war.


Wie konnte ich das überlebt haben und was war überhaupt passiert?


Mein Herz pochte noch so laut in meinen Ohren, dass ich das Klopfen an meinem Fenster kaum wahrgenommen habe.

Erst da begriff ich, dass ich ins Aquaplaning gekommen war und mit mir eine ganze Horde anderer Autos auf dem Standstreifen stand. Es hatte einige Blechschäden gegeben, verletzt wurde Gott sei dank niemand.


Ich atmete tief durch und fuhr nach Hause. Ich war alleine, machte mir was zu essen und schlief mit dem Schrecken in den Knochen ein. Damit ist diese Geschichte beendet.


Denkste. 😟


Denn mit der Zeit wuchs meine Angst auf der Autobahn so sehr, bis sie zu einem unüberwindbaren Hindernis wurde. Jedes Mal, wenn ich auf die Autobahn fuhr oder überholte, fühlte es sich an, als wäre ich kurz vor einer Panikattacke.


Bis ich wirklich eine hatte: Zittern, kalter, nasser Schweiß, kaum Luft bekommen und meine Sicht wurde so eng, als würde ich nur noch durch ein kleines Guckloch schauen.


Ich habe es irgendwie geschafft, rechts ranzufahren um dann total überwältigt zusammenzubrechen.

Du kannst dir vorstellen, von da an klappte das mit der Autobahn nicht mehr so gut.

Erst Jahre später in einer eigenen Somatic Experience-Session mit einer lieben Kollegin begriff ich endlich was los war:



Mein Körper wartete noch immer auf den Crash und hatte danach nie die Chance bekommen, diese Energie zu entladen. Denn diese Momente auf der Autobahn gingen ZU SCHNELL.

(Das ist übrigens auch eine der Definitionen, nach denen wir ein Trauma kategorisieren:Etwas geschieht zu schnell, zu plötzlich oder etwas ist zu viel.)



Meinem Verstand war das damals schon bewusst, dass ich Glück hatte, doch mein Körper hatte das nie verinnerlicht. Der wartete noch immer darauf, dass wir sterben würden. Er hatte diese Todesangst behalten und sie kam jedes Mal wieder auf, wenn ich auf die Autobahn fuhr.


In meiner Session damals gab es einen prägenden Moment: die Erkenntnis und eine unglaubliche Erleichterung - "Hey, ich lebe noch. Ich hatte verdammt großes Glück."

Nach dieser Erkenntnis war auch meinem Körper klar, dass der Schrecken in der Vergangenheit liegt und nicht im Hier und Heute.

Das ist nämlich die Sache mit Trauma: Der Körper erlebt den Schrecken immer wieder, denn anders als unser Verstand, versteht er nicht, dass der Schrecken vergangen ist.

Seitdem klappt es wieder besser mit der Autobahn. Vielleicht nicht mehr mit dem Bleifuss von GoKart-Kimi, aber immerhin so, um mich wieder sicher zu fühlen.



Mit meinem heutigen Background verstehe ich aus meiner eigenen Geschichte, dass:


  • unser Körper wie ein Schwamm funktioniert und Erlebnisse speichert

  • Selbst wenn unser Verstand die Erfahrung "abgehakt" hat, ist es für den Körper weiterhin präsent

  • das wiederum erklärt, warum wir häufig eben nicht nur mit kognitiver Verhaltenstherapie weiterkommen

  • es ist wichtig, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, damit sie langfristig nicht zu Belastungen führen

  • Entladung aufgestauter Überlebensenergie ist entscheidend - am besten mit professioneller Unterstützung, sonst könnten dich die Prozesse evtl. überfordern



In meinem Fall ist alles Gott sei Dank gut ausgegangen (wie oft habe ich nun schon "Gott-sei-Dank" geschrieben?! 😅) Ich möchte mit dieser persönlichen Story zeigen, dass auch gefühlt "kleine" Vorfälle einen großen Impact haben können.


Aber vor allem, weil ich Betroffenen, die unter PTBS (Posttraumatischer Belastungsstörung) oder chronischen Symptomen leiden, Mut machen möchte. Ja, Trauma sind für unseren gesamten Organismus belastend, doch durch die Bewältigung von Trauma können wir eine tiefere Resilienz entwickeln und stärker aus der Erfahrung hervorgehen.


In meinem Fall liegt ein konkretes Beispiel vor, dass Angst und Panik hervorgerufen hat. Es gibt auch Ängste oder Panikattacken, da können sich Betroffene an keinen bestimmten Auslöser erinnern.


In beiden Fällen kann es aber zu jahrelanger mentaler und physischer Belastung kommen. Um diesen Teufelskreis entgegenzusteuern, biete ich meine therapeutische Betreuung in Form von 1:1 Somatic Healing Sessions an, sowohl online als auch in Präsenz bei mir in Oberhausen.








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